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Sie standen am Abgrund – den Beschäftigten der Reckendrees Fenster und Türen GmbH in Herzebrock-Clarholz bei Gütersloh drohte die Arbeitslosigkeit: Im Juli 2007 meldete die Firma Insolvenz an. Doch statt arbeitslos zu werden, übernahmen die Betroffenen das Unternehmen. Seit Mai 2008 gehört es ihnen zur Hälfte. Und seitdem blüht Reckendrees wieder auf.
Über 700 Beschäftigte zählte die traditionsreiche Firma im Wendejahr 1989/90. Dann wurde das Unternehmen mehrfach verkauft und aufgespalten, „niemand blickte mehr durch“, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende Michael Oestreich. Die neuen Eigentümer modernisierten nicht, sondern bauten Arbeitsplätze ab. Innerhalb von zehn Jahren sackte die Zahl der Beschäftigten unter 200. Im Jahr 2001 krallte sich der Tryba-Konzern die Firma. Und Reckendrees geriet vom Regen in die Traufe: Jeder Auftrag wurde angenommen, zu jedem Preis. Der Umsatz halbierte sich, das Unternehmen versank in roten Zahlen. Dass die Beschäftigten 2005/06 unentgeltlich 440 Überstunden leisteten, sogar am Wochenende, dass sie auf Weihnachtsgeld und zwei Urlaubstage verzichteten – nichts nützte. „Es war abzusehen, dass es irgendwann knallen musste“, sagt Michael Oestreich rückblickend. Es knallte am 26. Juli 2007, die Firma war pleite – und Oestreich „stinksauer“. Die Belegschaft hatte so viel in das Unternehmen investiert (sie hatte pro Kopf auf 14 000 bis 26 000 Euro verzichtet) – alles umsonst? Geld und Job futsch? Das durfte nicht wahr sein, „warum übernehmen wir das Unternehmen nicht?“, schoss es Oestreich durch den Kopf. Der selbstbewusste Betriebsratschef staunt heute noch: „Das war nur ein kleiner Gedanke, und plötzlich stand ich – ein Staplerfahrer – in der Lobby des Düsseldorfer Wirtschaftsministeriums.“ Denn der Betriebsrat hatte gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter und der Dortmunder Arbeitnehmer-Berater-Cooperation arbeco ein pfiffiges Konzept erarbeitet: Die zuletzt übrig gebliebenen 44 Beschäftigten – der größte Teil der Belegschaft war über Sozialplan ausgeschieden – gründen eine Mitarbeiterbeteiligungsgesellschaft, werfen einen Teil ihrer Ansprüche in einen großen Topf und erwerben damit 48 Prozent ihrer alten Firma (52 Prozent hält ein ehemals leitender Angestellter, Beschlüsse müssen jedoch mit 70prozentiger Mehrheit getroffen werden). Auch das Wirtschaftsministerium in Düsseldorf fand das Konzept schlüssig und stellte eine Landesbürgschaft von 1,4 Millionen Euro zur Verfügung. Denn Reckendrees ist eine Traditionsmarke im deutschen Fenster- und Türenmarkt, die Qualität ihrer Produkte ist unbestritten und die Kundschaft hält sogar während der Insolvenz loyal zum Unternehmen. Geschäftsführer der MitarbeiterbeteiligungsGmbH sind der Betriebsratsvorsitzende Oestreich und Frank Stodolka von Arbeco (dass auch er, der Berater, in die Firma eingestiegen ist, hat die letzten Zweifler in der Belegschaft von der Tragfähigkeit des Konzepts überzeugt). Bei Reckendrees weht jetzt ein ganz neuer Wind. Nichts drückt das besser aus als der Spruch auf den Polo-Shirts der Beschäftigten: „Wir sind Reckendrees.“ Sie erfüllten beispielsweise die Vorgabe, innerhalb von acht Wochen den Tagesumsatz der Fensterfertigung durch Verkürzung der Durchlaufzeiten von 15 000 auf 25 000 Euro zu erhöhen, schon nach 14 Tagen! Michael Oestreich: „Jeder weiß: Ich mach’s für mich!“
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Holz + Kunststoff aktuell September 08 der IGM NRW im PDF-Format
Quelle: IGM NRW |